We are I
Eine Bildserie über das Viele Sein
2024 haben wir festgestellt, dass wir viele sind. „Viele Sein” ist die Selbstbezeichnung von Betroffenen mit der Diagnose Dissoziative Identitätsstörung, die eine Folge von frühkindlichen Traumata ist. Das heißt, wir haben seit unserem zweiten Lebensjahr schwere Gewalt erlebt und um zu überleben, konnte sich kein kohärentes „Ich” entwickeln. Mit der Diagnose begannen wir, uns gegenseitig zu porträtieren. Das Foto gibt jedem von uns die Möglichkeit, sich wertfrei so zu zeigen, wie er oder sie gerne gesehen werden möchte, denn für viele ist es nicht einfach, in einem erwachsenen weiblichen Körper zu leben. Das Porträt gibt uns das Stück Individualismus, das im Alltag nicht immer Platz hat.
Eine kleine Auswahl unserer Porträts zeigen wir hier:

Die Königin
Sie kam zum ersten Mal nach vorne, als ich weinte. In der Klinik kam gerade heraus, dass eine DIS vorliegt und dass ich mir die Wechsel nicht einbilde. Darüber hinaus wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass meine Trauma-Vergangenheit viel schlimmer war, als ich es mir je hätte vorstellen können. Ich sagte zu mir: „Das wird mir alles zu viel. Das kann kein Mensch mehr aushalten.“
Einige Minuten später kam der Wechsel in die Tote Königin. Ich merkte, wie ich ins Co-Bewusstsein rutschte und sich meine Körperhaltung veränderte. Meine Schultern wurden aufrecht, mein Blick wurde starr und ich ballte die Fäuste. Als ich mit diesem Anteil reden wollte, bekam ich keine Antwort. Dann wurde mir klar, dass sie nicht reden, denken oder fühlen kann, sondern nur diese Körperhaltung annehmen kann.
Genau diese Haltung hatten wir eingenommen, als wir den Täterkontakt endgültig abgebrochen hatten.

Die Harfenspielerin
Wir kennen sie nicht besonders gut und wissen auch nicht, ob sie einen eigenen Namen hat. Uns ist nur im Nachhinein aufgefallen, dass wir sehr häufig Amnesien haben, wenn wir Harfe spielen.

Kiki
"Ich will mutig sein und mutig sein bedeutet, wenn man trotzdem nicht aufgibt."
Kiki ist eines unserer Innenkinder. Wie alt sie genau ist, wissen wir nicht. Vielleicht ist sie 5 oder 6 Jahre alt und war früher nur in Traumasituationen vorne. Wir haben sie kennengelernt, als der Körper schon erwachsen war. Immer wenn wir einen dissoziativen Krampfanfall hatten, kam sie nach vorne und hatte Flashbacks. Bei jedem Flashback erinnerte sie sich mutig daran, dass es heute auch etwas Gutes gibt.

Eris
„Ich bin 14 Jahre alt, ich war schon immer 14, auch als der Körper älter wurde. Das passiert wohl, wenn man als Kind Trauma erlebt. Ich tue mich schwer mit meiner Existenz, denn der Schmerz ist immer noch da, und der ist echt heftig. Oft wurde ich gefragt, was ich mag oder wie man mir helfen kann. Darauf will ich bis heute keine Antwort geben. Denn diese Frage nervt.
Aber einmal war ich vorne, als wir wandern waren, und da waren auch diese Felsen, worauf man klettern kann. Darauf zu klettern tat mir wirklich gut und seinen Körper zu spüren, der für mich eigentlich immer taub ist. Das mache ich wirklich gerne.
Jetzt habe ich doch erzählt, was ich gerne mache.“